Eine kleine Geschichte über die Problematik von Mehrheitsentscheidungen und einen möglichen alternativen Umgang
Drei Freunde – Franz, Thomas und Karl – möchten endlich einmal wieder gemeinsam kochen. Sie freuen sich auf einen gemütlichen Abend, an dem sie zusammen ein selbst gekochtes Dinner genießen. Damit sie rechtzeitig einkaufen können, beginnen sie frühzeitig mit der Planung und sammeln Essensvorschläge.
Schon beim ersten Austausch wird klar: Die Geschmäcker sind verschieden. Franz und Thomas sind sofort begeistert von der Idee, Erdnusshähnchen zuzubereiten. Sie lieben diese Kombination aus herzhaft und nussig. Für sie wäre das ein perfektes Gericht.
Für Karl hingegen ist dieser Vorschlag ein Problem. Er würde lieber ein Steak essen – und vor allem: Er ist allergisch gegen Erdnüsse. Das bedeutet, dass er beim Erdnusshähnchen nicht einmal mitessen könnte. Die Stimmung wird etwas gedrückt, denn niemand möchte, dass einer der Freunde ausgeschlossen ist.
Um zu einer Entscheidung zu kommen, probieren sie zwei verschiedene Methoden aus.
1. Lösungsansatz: Die klassische Mehrheitsentscheidung
Thomas schlägt vor, einfach abzustimmen. „Das kennen wir doch alle – so wird es in der Politik auch gemacht“, meint er. Franz stimmt zu, und so führen sie eine klassische Mehrheitsentscheidung durch. Das Ergebnis ist eindeutig: 2 zu 1 für Erdnusshähnchen. Doch sofort wird klar, dass dieses Ergebnis zwar formal korrekt ist, aber emotional nicht trägt. Karl ist enttäuscht – schließlich kann er das Gericht nicht essen. Und Franz und Thomas merken, dass sie sich mit dem Ergebnis auch nicht wohlfühlen. Was nützt ein „Sieg“, wenn ein Freund ausgeschlossen wird?
2. Lösungsansatz: Systemisches Konsensieren
Franz schlägt nun vor, eine andere Methode auszuprobieren: Systemisches Konsensieren. Thomas und Karl sind neugierig und einverstanden.
Der erste Schritt besteht darin, den Lösungsraum zu erweitern. Statt nur zwischen zwei Gerichten zu wählen, sammeln sie zunächst mal Wünsche an eine gute Lösung. Jeder sagt offen, was ihm wichtig ist:
- Karl: „Ich möchte nichts essen, worauf ich allergisch reagiere.“
- Franz: „Mir ist wichtig, dass das Gericht eiweißreich ist.“
- Thomas: „Ich hätte gerne etwas mit Hähnchen.“
Mit diesen Anliegen und Bedürfnissen im Hinterkopf schlagen sie neue Gerichte vor: Brathähnchen, Pizza und Spaghetti. Karl fragt: „Wie entscheiden wir jetzt zwischen all diesen Vorschlägen?“
Franz erklärt das Prinzip des Systemischen Konsensierens in seiner einfachsten Form:
„Wir bewerten jeden Vorschlag unabhängig voneinander auf einer Widerstandsskala von 0 bis 10. 0 bedeutet: kein Widerstand, es ist OK. 10 bedeutet: maximaler Widerstand, für mich geht das gar nicht. Dann addieren wir die Werte pro Vorschlag. Das Gericht mit dem geringsten Gesamtwiderstand ist das, das für uns alle momentan am tragfähigsten ist. Das Ergebnis ist mal ein Stimmungsbild mit dem wir hoffentlich gut weiterkommen und uns vielleicht sogar entscheiden können.“
Sie erstellen eine Tabelle und tragen ihre Bewertungen ein:
| Gericht | Franz | Thomas | Karl | Gruppenwiderstand |
|---|---|---|---|---|
| Erdnuss-Hähnchen | 0 | 0 | 10 | 10 |
| Steak | 1 | 2 | 0 | 3 |
| Brathähnchen | 1 | 0 | 1 | 2 |
| Pizza | 5 | 5 | 5 | 15 |
| Spaghetti | 0 | 5 | 5 | 10 |
Das Ergebnis ist eindeutig: Brathähnchen hat den geringsten Gruppenwiderstand.
Es erfüllt alle Bedürfnisse:
- keine Allergene für Karl
- eiweißreich für Franz
- Hähnchen für Thomas
Alle drei sind zufrieden – und dieses Mal fühlt sich die Entscheidung wirklich gut an. Sie kochen gemeinsam Brathähnchen und genießen einen harmonischen Abend.
Was ist hier eigentlich passiert?
Bei der Mehrheitsentscheidung zählt nur, wer die meisten Stimmen hat. Die Bedürfnisse der Minderheit bleiben unberücksichtigt:[1]
„Somit sind die Bedürfnisse der anderen 49% unerheblich für das Ergebnis.“
Sobald mehr als zwei Vorschläge im Raum stehen, wird das Ergebnis sogar oft zufällig oder verzerrt – weshalb relative Mehrheitsentscheidungen häufig vermieden werden.[2]
Beim Systemischen Konsensieren hingegen geht es nicht darum, die meisten Stimmen zu sammeln, sondern darum, den geringsten Widerstand zu erzeugen. Das bedeutet:
- Die Bedürfnisse aller werden sichtbar.
- Auch Minderheiten – wie hier der Allergiker – fließen voll in die Entscheidung ein.
- Der Lösungsraum wird erweitert.
- Es entsteht kein fauler Kompromiss, sondern eine Lösung, die für alle gut funktioniert. Der faule Kompromiss oder der kleinste gemeinsame Nenner würden höhere Widerstandsbewertungen erzeugen, wie z.B. hier die Spaghetti, als eine Lösung welche die Bedürfnisse aller gut berücksichtigt.
So wird eine Entscheidungsqualität möglich, die sonst nur im kleinen Freundeskreis intuitiv entsteht – aber auch in großen Gruppen oder sogar ganzen Nationen funktionieren kann.